
Sonja Gillert und Morten Wenzek leiten das Tagesspiegel-Ressort „Voice & Vision“ - Fotos: Adam Kaiser-Lynch/Nassim Rad
Tagesspiegel: So arbeitet das neue Ressort „Voice & Vision“
Seit Anfang des Jahres bündelt der Tagesspiegel seine Audio-, Video- und Social-Kompetenzen in dem neuen Ressort „Voice & Vision“. Ziel ist es, die Inhalte noch überregionaler, digitaler, multimedialer und für jüngere Zielgruppen aufbereiten und verbreiten zu können. Dabei soll „Voice & Vision“ journalistische Qualität mit innovativen Formaten verbinden, heißt es – von reichweitenstarken Social-Storys über tief recherchierte Podcasts bis hin zu eigenständigen Video-Reihen.
Das neue Ressort wird von Sonja Gillert und Morten Wenzek in einer Doppelspitze geführt. Gillert kommt von Welt, wo sie zuletzt als Ressortleiterin Audio das Podcast-Ressort aufgebaut und verantwortet hat. Wenzek leitet bereits seit vier Jahren die Social- und Video-Teams des Tagesspiegels.
Im Interview mit DNV erklärt das Duo unter anderem, was hinter der Zusammenlegung steckt, welche Themen ganz oben auf ihrer Agenda stehen und warum Audio und Video für Medienmarken immer wichtiger werden.
Herr Wenzek, Frau Gillert, Sie haben erst kürzlich das Ressort „Voice & Vision“ gegründet. Dort bündeln Sie die Audio-, Video- und Social-Kompetenzen des Tagesspiegels. Warum sind Sie jetzt diesen Schritt gegangen?
Morten Wenzek: Das ist historisch gewachsen. Als ich vor etwas über vier Jahren als Head of Social beim Tagesspiegel angefangen habe, gab es diese Strukturen noch nicht. Wir haben aus dem Social-Team heraus immer mehr Videoinhalte erstellt, weil Social Media auch vor vier Jahren schon nicht mehr ohne Video funktionierte. Wir haben außerdem Ressourcen in Video-Stellen umgewandelt und Personen eingestellt, die sich ausschließlich um Video für Social kümmern. So haben wir quasi das Video-Team im Social-Team von Grund auf neu aufgebaut. Den Videoteil verbalisieren wir jetzt mit „Voice & Vision“ nochmal konkret.
„Video ist ein fester Bestandteil im Podcast-Bereich geworden – durch verschiedene Entwicklungen auf Plattformseite und durch veränderte Nutzungsgewohnheiten.“
Sonja Gillert
Tagesspiegel
Sonja Gillert: Video ist ein fester Bestandteil im Podcast-Bereich geworden – durch verschiedene Entwicklungen auf Plattformseite und durch veränderte Nutzungsgewohnheiten. Podcasts werden zum Beispiel auch zu einem sehr großen Anteil über YouTube konsumiert. Unsere Zusammenarbeit ermöglicht uns nun eine neue Schnelligkeit. Wir müssen nicht über die Teamgrenzen hinweg fragen, wie viele Kapazitäten für dieses oder jenes Projekt frei sind. Wir können jetzt direkt vom Thema ausgehend alle Kanäle mitdenken. Natürlich immer mit der Frage: Wie ist es am sinnvollsten eine Recherche zu erzählen, wo erreichen wir die meisten Menschen und wie konsumieren die Menschen bestimmte Inhalte am liebsten?
Wie groß ist das Team und wie setzt es sich zusammen?
Wenzek: Mit uns beiden sind wir insgesamt zehn Personen im Team. Alle Teammitglieder haben einen Schwerpunkt, für den sie zuständig sind. Aber wir arbeiten trotzdem alle crossmedial – quasi Hand in Hand, um in allen Bereichen der Abteilung selbstständig agieren zu können. Das ist essenziell für das agile Arbeiten, das im Journalismus heute gebraucht wird
Welche Aufgaben oder Herausforderungen stehen jetzt ganz oben auf Ihrer Agenda bei „Voice & Vision“?
Gillert: Ein wichtiger Teil unserer Aufgabe ist aktuell, das Podcast-Portfolio des Tagesspiegels weiterzuentwickeln – und dabei auch Video und den Aufbau von Communities mitzudenken. Im Audio-Bereich gibt es beim Tagesspiegel bereits den Gynäkologie-Podcast „Gyncast“ mit Esther Kogelboom und Dr. Mandy Mangler, den ich als beispielhaft für unsere künftige Zusammenarbeit sehe. Denn „Gyncast“ kann man nicht nur hören, sondern auch über eine lebendige Social-Media-Community miterleben, den Gyncast-Channel auf Instagram. Gleichzeitig stellt das Team dazu auch Video-Inhalte auf YouTube bereit.
„Wir wollen organisch für jeden Ausspielweg entwickeln können.“
Morten Wenzek
Tagesspiegel
Wenzek: Für uns ist es außerdem essenziell, dass wir Konzepte für Audio oder für Video direkt so entwickeln, dass sie zur Platzierung auf Social Media passen. Wir haben nicht nur eine Politikanalyse, sondern wir überlegen auch, wie diese Analyse im Video auf der Website funktioniert. Und auf YouTube oder Instagram funktioniert sie nochmal anders. Ein Podcast muss erst einmal als Audio qualitativ gut sein. Aber wir überlegen auch direkt mit, wie das Videokonzept dazu aussehen muss. Wir wollen organisch für jeden Ausspielweg entwickeln können.
Warum genau ist das so wichtig?
Wenzek: Das ist für die Reichweite der einzelnen Formate wichtig. Es ist egal, ob es sich um ein Audio- oder ein Videoformat handelt. Man muss aber die Ausspielwege mitdenken und die Inhalte vielleicht auch für die unterschiedlichen Zielgruppen anders zuschneiden können. Dabei fokussieren wir die Qualität der Inhalte. Wir wollen Audio nicht nur mit Audio-Kacheln und 20-sekündigen Gesprächsausschnitten auf Instagram bewerben. So hat man das vor Jahren einmal gemacht, aber das kann heute nicht mehr die alleinige Lösung für Podcasts auf Social Media sein. Deswegen verfolgen wir einen sehr rigorosen Community-Ansatz. Aus dem Community-Account des „Gyncasts“ auf Instagram entsteht ganz viel Tolles. Die Community gibt Themen in die Folgen, liefert auch mal selbst Inhalte, die dann im Podcast stattfinden. Dadurch können sie viel mehr selbst an dem Podcast teilhaben und sich damit identifizieren.
Gillert: Gerade bei diesem Podcast haben wir Hörerinnen, die sich austauschen wollen und in Kontakt treten wollen mit den Hosts.
Ein Ziel von „Voice & Vision“ ist es außerdem, Inhalte besser für jüngere Zielgruppen aufzubereiten. Welche Strategie fahren Sie speziell hierbei?
Wenzek: Video- und Audioformate sind für jüngere Zielgruppen besonders attraktiv. Deshalb soll unser Ressort beim Tagesspiegel genau diese Zielgruppen über neue Kanäle erreichen. Aber ich finde es hier wichtig, klarzustellen: Instagram ist zum Beispiel nicht so jung, wie man denkt. Unsere Hauptzielgruppe auf Instagram ist zwischen 25 und 45 Jahren alt. Das sehen wir nicht nur in der Demografie, sondern auch an den Themen, die gut ankommen. Das sind nämlich Familien- oder Schulthemen, die viel Engagement hervorrufen. Und damit können wir wiederum T+-Abos über Social Media verkaufen.
„Video- und Audioformate sind für jüngere Zielgruppen besonders attraktiv. Deshalb soll unser Ressort beim Tagesspiegel genau diese Zielgruppen über neue Kanäle erreichen.“
Morten Wenzek
Tagesspiegel
Daher haben wir auf Instagram erst kürzlich ein neues Vertical mit dem Namen @Stadtfamilien gestartet, mit dem wir genau diese Audience ansprechen wollen. Das sind Familien in Großstädten, natürlich mit einem Berlin-Fokus. Ihnen wollen wir einen Hafen für die Inhalte geben, die sie interessieren und die ihren Alltag und ihr Leben betreffen. Wir sehen, dass der Need da ist. Deswegen gliedern wir das Thema in einen Unteraccount aus, von dem wir aber glauben, dass er dann gar kein Unteraccount sein wird, sondern für uns eine ganz große Relevanz haben wird.
Generell gefragt: Sind denn Audio und Video die Zukunft für den Journalismus? Welche Rolle wird Text noch spielen?
Gillert: Ich glaube, in Zeiten der fluiden Mediennutzung ist alles wichtig. Das ist nicht das Ende des Textes. Für mich sind zwei Aspekte wichtig: Schaffen wir es als Journalisten, nah dran zu sein und die Wirklichkeit abzubilden, einzuordnen und zu analysieren? Dabei ist es egal, ob wir das in Video, Audio oder Text machen. Und erreichen wir die Menschen dort, wo sie unseren Journalismus konsumieren wollen? Ist das jemand, der joggen geht und dann lieber zuhört? Oder ist das jemand, der am Sonntagmorgen in Ruhe einen Text lesen möchte? Wichtig ist auch, dass hinter allem, was wir produzieren, eine gute Recherche und hochwertiger Journalismus stehen, gerade in Zeiten von KI.
„Ich glaube, in Zeiten der fluiden Mediennutzung ist alles wichtig. Das ist nicht das Ende des Textes.“
Sonja Gillert
Tagesspiegel
Wenzek: Journalism is first! Und aus der Geschichte können wir ableiten, ob das ein Audio-Produkt ist oder ob wir sie als Video oder in Textform erzählen. Mit Audio ist man ganz nah dran am Hörer. Wir sind im Ohr, also auch physisch gesehen ganz nah an den Personen, und begleiten sie bei ihren persönlichen Erledigungen und im Alltag. Video hat wiederum den Vorteil, dass wir etwas zeigen können, das ausschließlich in Textform beschrieben vielleicht langweilig wäre. Manche Geschichten muss man sehen – wie in Minneapolis oder beim Berliner Blackout. Für mich sind solche Ereignisse in Video- oder Bildform am eindrücklichsten. So können wir Geschichten auch für unsere Zielgruppe emotionaler erzählen und dadurch entsteht auch eine größere Bindung zum Produkt.
.
Das gesamte Interview mit Sonja Gillert und Morten Wenzek vom Tagesspiegel lesen Sie in der aktuellen DNV-Ausgabe (1/2026). Dort erklärt das Duo außerdem, wie Social Media und Communities beim Tagesspiegel gedacht werden. Sie erklären, wie moderne Inhalte für Social Media aussehen können, wie sie dort erfolgreich T+-Abonnements verkaufen und die Communities einbeziehen. Zur Bestellung geht es hier.
Sie wollen mehr über Communities oder Social Media lernen? Dann melden Sie sich jetzt kostenlos für unseren Themen-Newsletter Trick 17 an. So verpassen Sie nie wieder die wichtigsten Trends und aktuellen Entwicklungen im Social-Bereich!
Sophia Fiedler 26.02.2026





