Samstag, 15. August 2026

Hinter "unlock" stecken Swantje Dake und Peter Hornik. Seit gut zwei Jahren arbeiten sie an der Plattform - nun startet diese offiziell im April 2026 - Foto: Michael Lübke

„Wir wollen ein neuer Erlösstrom für Verlage sein“ – Die Vision hinter „unlock“

In einer digitalen Welt, in der Nachrichten überall und gleichzeitig erscheinen, wird es für Nutzer zunehmend unübersichtlich: Wer sich wirklich informieren möchte, muss heute oft zwischen Apps, Paywalls und Marken springen. Viele wünschen sich einen einzigen Ort, an dem sie Qualitätsjournalismus verschiedener Häuser gebündelt finden – ohne Dutzende Abos, ohne endlose Suche, ohne Algorithmus‑Tunnel.

Genau an dieser Stelle setzt „unlock“ an. Die junge Plattform versucht, das Versprechen einer zentralen Anlaufstelle für verlässliche Inhalte einzulösen: Leser können sich aus ausgewählten Angeboten unterschiedlicher Medienmarken ihren eigenen Newsfeed zusammenstellen, per Abo (14,99 Euro pro Monat oder 125 Euro pro Jahr) freischalten und danach stöbern, was sie interessiert – und manchmal auch, was sie gar nicht gesucht hätten.

Hinter „unlock“ steckt unter anderem Gründerin Swantje Dake. Diese bringt Expertise aus über 20 Jahren in der Medienbranche mit: Nach Stationen bei der Hamburger Morgenpost, stern.de und schließlich als Chefredakteurin Digital bei den Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung entschied sie sich nach achteinhalb Jahren in Stuttgart für einen beruflichen Neuanfang. 2021 lernte sie ihren heutigen Partner Peter Hornik kennen, mehrfacher Gründer und ehemaliger Geschäftsführer des Digital Innovation Hub Düsseldorf. Er brachte die Idee eines „Spotify for News“ ins Spiel – eine Plattform, die journalistische Inhalte bündelt und nutzerfreundlich zugänglich macht.

Gemeinsam entwickelten sie daraus das Konzept für „unlock“, an dem beide rund zwei Jahre arbeiteten. Jetzt steht die Plattform kurz vor dem Start im DACH-Raum, mit der Perspektive, später europaweit und darüber hinaus zu wachsen. Anfang April 2026 startet die Plattform offiziell. Wie „unlock“ genau funktioniert und wie Verlage von dem Angebot profitieren sollen, erläutert Swantje Dake im Interview mit DNV.

„unlock“ ist nicht der erste Versuch in der Branche, eine Plattform für ein gebündeltes News-Angebot zu schaffen. Nicht all diese Versuche liefen erfolgreich. Warum, denken Sie, wird das bei „unlock“ anders sein?

Bei vielen Geschäftsideen gibt es mehrere Anläufe. Irgendwann funktioniert es, weil der Zeitpunkt passt. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt genau zu diesem richtigen Zeitpunkt unterwegs sind – sowohl für die Nutzer*innen als auch für die Verlage. Denn die Verlage haben inzwischen ihre Paid-Content-Modelle etabliert.

Als „Blendle“ damals gestartet ist – wahrscheinlich das bekannteste und erfolgreichste Modell dieser Art aus den Niederlanden – sah das Umfeld noch ganz anders aus. Das war 2015, und damals gab es bei weitem nicht so viel bezahlpflichtigen Content wie heute. Leser*innen hatten noch keinen ausgeprägten Bedarf, und für die Verlage waren ein paar Euro zusätzlicher Umsatz pro Monat eher ein netter Nebeneffekt als ein strategischer Baustein.

Heute ist die Lage eine andere. Die Verlage haben funktionierende Abo-Modelle, gleichzeitig verändert sich das Thema Reichweite – auch, weil KI-Modelle Inhalte crawlen. Deshalb sind die Häuser darauf angewiesen, in Zukunft weitere Erlösströme zu erschließen. Die Erlöslandschaft wird vielfältiger, und wir möchten einer dieser Ströme sein.

"Die Erlöslandschaft wird vielfältiger, und wir möchten einer dieser Ströme sein."

Swantje Dake
unlock

Viele, die zuvor Ähnliches versucht haben, kamen außerdem nicht aus der Branche. Ich dagegen habe ein gutes Netzwerk aufgebaut – und trotzdem bleibt es weiterhin anspruchsvoll, Menschen von unserer Idee zu überzeugen. Durch meine frühere Position als Chefredakteurin kenne ich viele Kolleg*innen in den Redaktionen. Aber die Redaktionen sind nicht immer die allein entscheidenden Instanzen. Oft müssen auch Geschäftsführungen oder Eigentümer überzeugt werden.

Wir haben „unlock“ zudem als Venture Case aufgesetzt, ungewöhnlich für die Branche, zumindest in Deutschland. Aber wir sind auch keine Medienmarke, sondern eine Plattform und die wachsen meistens nur mit Kapital, siehe Airbnb, Booking oder Spotify. Es wird auch ohne Investoren funktionieren, dann ist das Wachstum allerdings langsamer und macht allen Beteiligten vermutlich weniger Freude.

Teilnehmende Publisher können selbst auswählen, welche Inhalte über Ihre Plattform ausgespielt werden sollen. Gibt es da aktuell eine Art „Oberbegrenzung“?

Im Moment haben wir keine feste Obergrenze für die Anzahl der Inhalte, eher eine Untergrenze, damit die Partner im Feed überhaupt wahrnehmbar sind. Gleichzeitig sprechen wir auch mit Häusern, die noch kaum digital arbeiten – und versuchen Lösungen anzubieten.

Verlage können selbst wählen, welche Inhalte sie über unlock ausspielen wollen - Abbildung: app.unlock-it.news

Wichtig ist für uns vor allem, dass niemand den Feed dominiert. Wenn ein Verlag zu viele Inhalte liefert, müssen wir vermutlich gegensteuern. Die Nutzer*innen können zudem entscheiden, welche Verlage sie lesen wollen, welche aber auch nicht. Parallel lernt der Algorithmus, welche Quellen die jeweiligen Nutzer*innen bevorzugen.

Hinterher können die Verlage mit erhobenen Daten arbeiten und daraus Rückschlüsse für sich ableiten, korrekt?

Korrekt. Für die Verlage gibt es zwei Ebenen: Zum einen ihre eigenen, detaillierten Daten. Zum anderen ein übergreifendes Dashboard, in das alle Inhalte anonymisiert einfließen – eine Art Benchmark also.

Da wird sich noch zeigen, wie sinnvoll das für die einzelnen Häuser ist. Aber es hilft zu erkennen, ob sie über uns tatsächlich eine andere Zielgruppe erreichen. Genau das ist nämlich unser Versprechen: Menschen, die ein anderes Produkt erwarten als eine klassische Medienmarke und eine Altersgruppe, die viele Verlage derzeit nicht gut erreichen: Menschen unter 50 Jahren.

Und natürlich sind wir mit der Plattform längst noch nicht am Ende – wir entwickeln permanent weiter.

Wodurch denn zum Beispiel?

Zum Beispiel Text-to-Speech wollen wir künftig anbieten. Wir arbeiten außerdem daran, Gamification-Elemente einzubauen, weil wir ausprobieren wollen, wie man Menschen dazu motiviert, wirklich jeden Tag Nachrichten zu lesen. Dabei schauen wir erstaunlich wenig auf die Medienbranche selbst und eher auf andere Bereiche, die das gut können.

Ein passendes Beispiel ist hier Duolingo, die nutzen Gamification einfach unglaublich gut. Wenn wir nur ein Stück davon auf News übertragen können und damit erreichen, dass Menschen wieder mit mehr Freude Nachrichten konsumieren, haben wir schon viel gewonnen.

Verraten Sie uns, welche Marktteilnehmer bei „unlock“ aktuell schon dabei sind?

In den vergangenen Monaten haben wir vor allem mit der Dpa Infoline von der Deutsche-Presse Agentur gearbeitet – damit haben wir unsere KI-Systeme trainiert und getestet, wie Inhalte im Produkt funktionieren. Die Dpa werden wir auch weiterhin lizenzieren.

Außerdem haben wir einen Vertrag mit der teleschau abgeschlossen. Mit weiteren Partnern sind wir im Gespräch oder sie befinden sich bereits im Onboarding. In der Beta sieht man momentan beispielsweise auch die Hamburger Morgenpost.

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Zu „unlock“ sind auch eine App und Newsletter in Planung – können Sie das strategisch für uns einordnen?

Eine App wird es auf jeden Fall geben. Sie wird sich optisch von der Web-Ansicht unterscheiden.

Newsletter werden tägliche oder individuelle Zusammenstellung der eigenen Themen liefern. Nicht jeder möchte ständig eine App öffnen; manche wollen ihre Nachrichten lieber morgens, mittags oder abends direkt in die Inbox bekommen. Auch das soll „unlock“ liefern können.

Wie muss man sich „unlock“ eigentlich aus Nutzersicht vorstellen? Spielen bei der Ausspielung der Inhalte eher Personalisierung oder der Standort des Nutzers mit rein?

Es ist tatsächlich ein Mix. Durch das Onboarding lege ich zunächst selbst fest, welche Themen ich gerne lesen möchte – und das kann man jederzeit anpassen, auch während der Nutzung. Der Nutzer kann also immer wieder schauen, was ihn gerade interessiert und was nicht.

Parallel dazu lernt die KI mit: Je länger und intensiver jemand liest, desto besser versteht das System die individuellen Vorlieben. Es kann sogar passieren, dass zwei Personen dieselben Themenbereiche auswählen, aber dennoch unterschiedliche Inhalte angezeigt bekommen – einfach, weil sie unterschiedlich lesen.

Gleichzeitig wollen wir bewusst vermeiden, dass jemand komplett in seiner eigenen Bubble bleibt. Deshalb spielen wir immer wieder neue Inhalte aus, die über das eigene Profil hinausgehen. Das geschieht über sogenannte „farbliche Störer“ im Feed – kleine Balken, die Themen hervorheben, die aus unserer Sicht wichtig sind, unabhängig von den persönlichen Einstellungen.

Nicht nur in der eigenen Bubble bleiben: Durch farbliche Störer sollen Nutzer auch über Themen außerhalb ihrer persönlichen Interessen informiert werden - Abbildung: app.unlock-it.news

Damit sorgen wir dafür, dass man bestimmte Nachrichten mitbekommt – auch wenn man das entsprechende Themenfeld nicht ausgewählt hat. Selbst wenn jemand beispielsweise „Politik“ oder „Sport“ nicht ausgewählt hat, sollte er oder sie beispielsweise trotzdem erfahren, dass es einen Krieg im Nahen Osten gibt – oder wann die nächste Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet.

Aktuell braucht man als Nutzer noch kein Abo abschließen, sondern kann sich für die Beta-Phase des Projekts frei anmelden. Wie viele Anmeldungen verzeichnen Sie schon?

Aktuell sind wir bei einer mittleren dreistelligen Anzahl Anmeldungen (Stand: Ende März 2026). Die Aufmerksamkeit für das Projekt ist in der Medienbranche vorhanden. Wichtiger sind für uns jetzt die Rückmeldungen von Leser*innen. Rund um Weihnachten hatten wir auf unseren Prototypen schauen lassen. Mit dem Feedback haben wir weiterentwickelt, Feed-Konzept und Onboarding angepasst. Jetzt gehen wir mal so an den Start und freuen uns auf Leser*innen und weitere Publisher.

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