
Regina Steffens vom Spiegel, Sophie von der Tann von der ARD und Alexandra Berlin vom Spiegel (v.li.) diskutierten über das Spannungsfeld zwischen Social-Media-Druck und journalistischer Sorgfalt - Foto: Stefanie Loos/re:publica
3 Learnings von der Re:publica 2026
Wie unabhängig und handlungsfähig sind wir im digitalen Raum? Wer kontrolliert KI und zu wessen Nutzen wird sie eingesetzt? Wie müssen digitale Öffentlichkeiten gebaut sein, damit sie funktionieren? Was machen digitale Systeme mit unserem Denken, Fühlen und Verhalten?
Diese und weitere Fragen wurden dieses Jahr auf der Re:publica diskutiert. Das Festival für die digitale Gesellschaft fand vom 18. bis 20. Mai 2026 in der Station Berlin statt und lockte rund 20.000 Besuchende an, darunter Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Unternehmen, Hackerkulturen, NGOs, Medien und Marketing sowie Blogger, Aktivisten, Künstler und Social Media-Experten.
Das dreitägige Programm stand unter dem Motto „Never Gonna Give You Up“ und umfasste über 675 Programm-Sessions mit mehr als 1.200 Speakern. Zu den Schwerpunkten gehörten die Themen digitale Souveränität, KI, die Stabilität von Demokratie und neue Öffentlichkeiten.
DNV war ebenfalls vor Ort, hat nach Insights für die Verlags- und Pressevertriebsbranche gesucht und im Folgenden drei spannende Aussagen zusammengefasst:
Die Re:publica 2026 stand unter dem Motto "Never Gonna Give You Up" - Foto: Stefanie Loos/re:publica
1. Man kann nie nah genug dran sein
„Das skaliert nicht“ galt im Journalismus lange als Totschlagargument gegen Formate, die auf Nähe, Präsenz und Begegnung setzen. Warum diese Ideen trotzdem einen echten Mehrwert für die Medien und ihr Publikum haben können, wurde auf der Re:publica diskutiert.
Sogenannte Dialog-Formate haben sich zum Beispiel bei der Mitteldeutschen Zeitung bewährt. Wie solche Formate aussehen können, zeigte Chefredakteur Marc Rath. Das Medienhaus versucht mit unterschiedlichen Maßnahmen, gezielt Nähe zur Bevölkerung herzustellen. Dazu gehört etwa eine Pop-up-Redaktion in Halle, aus der zeitweise täglich zwei Redakteure berichteten und für Gespräche vor Ort ansprechbar waren. Zusätzlich sind Teams mobil im Land unterwegs, besuchen kleinere Orte und schaffen dort neue Kontaktpunkte zur Leserschaft.
Der Gedanke dahinter: Vertrauen entsteht durch Präsenz. „Wir machen das für und mit Menschen – und das interessiert wiederum andere Menschen“, sagte Rath. Lokaljournalismus müsse Menschen ernst nehmen und ihnen das Gefühl geben, sichtbar zu sein. Dazu gehöre auch, aktiv auf sie zuzugehen.
Ähnlich argumentierte auch Dr. Julia Reuschenbach von der Universität Hamburg: „Wir müssen hingehen, wo die Menschen sind und nicht darauf hoffen, dass sie zu uns kommen.“ Der Ansatz sei zwar nur begrenzt skalierbar, schaffe aber etwas, das für Medienmarken zunehmend an Bedeutung gewinnt: echte Nähe zur Leserschaft. Gerade in Zeiten KI-generierter Inhalte könnte genau diese Nähe zu einem zentralen Differenzierungsmerkmal werden.
2. Wir brauchen ein neues Rollenverständnis von Journalismus
Dass sich das Verhältnis zwischen Journalismus und Publikum verändert, zeigte sich auch in den Diskussionen rund um Creator-Journalismus. Die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann sprach von einem tiefgreifenden Wandel in der Medienbranche: Immer mehr YouTuber, Podcaster oder Newsletter-Autoren bauen unabhängig von klassischen Medienhäusern eigene Plattformen und Kanäle auf und sind damit mittlerweile sehr erfolgreich.
Erfolgreich seien diese Creator vor allem deshalb, weil sie persönliche Einblicke geben, als Menschen greifbar werden und aktiv mit ihrer Community interagieren. Sophie von der Tann richtete sich an klassiche Medienhäuser und plädierte dafür, journalistisches Handwerk stärker mit Creator-Kompetenzen zu verbinden.
Dieser Gedanke zog sich durch mehrere Sessions der Re:publica: Kommunikation auf Augenhöhe wird zunehmend zum Erfolgsfaktor. Statt aus einer distanzierten Expertenrolle heraus zu senden, müssten Journalisten stärker zuhören, Perspektiven ihrer Zielgruppen verstehen und den offenen Austausch suchen.
Für Medienhäuser bedeutet das auch ein neues Rollenverständnis. Journalisten sollten nicht nur Inhalte produzieren, sondern Beziehungen zu ihrem Publikum aufbauen. Von Creatorn könnten sie lernen, authentischer zu kommunizieren, nahbarer aufzutreten und auch persönliche Perspektiven sichtbar zu machen (ohne dabei journalistische Standards aufzugeben).
Rund 20.000 Besuchende kamen an den drei Tagen in der Station Berlin zusammen - Foto: Jan Michalko/re:publica
3. Auch politische oder journalistische Beiträge auf Social Media brauchen einen hohen Unterhaltungswert
Wie stark sich Plattformlogiken inzwischen auf journalistische Inhalte auswirken, war Thema der Session von Journalist und Medienanalyst Simon Pycha. Er zeigte, warum manche Videos auf Social Media Reichweite erzielen und andere nicht.
Ein zentraler Faktor sei der Unterhaltungswert. Pycha verwies dabei auf Ergebnisse der Tagesbuchstudie der Landesanstalt für Medien NRW. Demnach wünschen sich junge Nutzer auf TikTok und Instagram zwar seröse Informationen, transparente Quellen und inhaltliche Tiefe. Gleichzeitig erwarten sie jedoch, dass politische und journalistische Inhalte unterhaltsam aufbereitet sind.
Zum Unterhaltungswert trägt unter anderem ein starker Videoeinstieg, ein sogenannter Hook, bei. Er soll Aufmerksamkeit erzeugen und Nutzer innerhalb weniger Sekunden für den Inhalten interessieren. Pycha hat an einem Beispiel (Inhalt: Getting a 6-pack) sieben Hook-Typen vorgestellt:
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Shock: You can get a 6-pack while still eating ice cream everyday
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Comprehensive: Here is every ab exercise you need to get a 6-pack
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Common mistake: Doing sit-ups won’t get you a 6-pack
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Comparison: Lifting vs. cardio – What will get you a 6-pack faster?
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Question: Is it possible to get a 6-pack in six weeks?
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Negative: You will never get a 6-pack if you do this one thing
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Tutorial: Here is a week of workouts designed to help you get a 6-pack
Unterschiedliche Hooks ermöglichen unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema und sprechen damit verschiedene Zielgruppen an. Das kann dabei helfen, journalistische Inhalte plattformgerechter zu erzählen, ohne zwangsläufig an Substanz zu verlieren. Unterhaltung und Informationswert schließen sich dabei nicht aus, sondern werden zunehmend gemeinsam erwartet.
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Die nächste re:publica Berlin findet vom 10. bis 12. Mai 2027 statt.
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Sophia Fiedler 26.05.2026





